Viöls Entwicklung von 1923 bis 1945

Das herausragende Ereignis der 20er Jahre war der Bau der Eisenbahnlinie von Husum über Löwenstedt nach Flensburg mit einem Abzweiger von Löwenstedt nach Bredstedt. Die Vorgeschichte wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten. Dazu müssen wir ein wenig in die Schleswig-Holsteinische Geschichte gehen. Unser heutiges Bundesland Schleswig-Holstein ist noch relativ jung. Es entstand 1867 als preußische Provinz. Bis 1867 waren Schleswig und Holstein selbständige Herzogtümer, die dem dänischen König unterstellt waren. Viöl liegt im Bereich des ehemaligen Herzogtums Schleswig, dessen Südgrenze die Eider war und dessen Nordgrenze die Königsau in Dänemark bildete (an der Nordsee nördlich von Ribe - früher Ripen - und an der Ostsee bei Christianholm zwischen Hardersleben und Kolding). Die Schleswiger und die Holsteiner waren aufgrund von Umständen, die in dieser Festschrift nicht näher dargestellt werden, mit der Bevormundung durch den dänischen König unzufrieden, was im März 1848 zur „Schleswig-Holsteinischen-Erhebung" führte. Die Schleswiger und die Holsteiner unterlagen 1850 Dänemark, nachdem der preußische König seine zunächst zugesicherte Hilfe wieder entzogen hatte. Schleswig und Holstein, denen im „Vertrag zu Ripen" im Jahre 1460 zugesichert worden war, daß sie unter der dänischen Krone für immer zusammen bleiben sollten („op ewig ungedeelt"), blieben noch bis 1867 (Anschluß an Preußen) selbständige Herzogtümer unter dem dänischen König. Dänemark hatte während seiner Vorherrschaft große Anstrengungen unternommen, die Schleswiger und die Holsteiner davon zu überzeugen, sich auf freiwilliger Basis endgültig in das Königreich Dänemark eingliedern zu lassen. Dazu war eine Stärkung der Wirtschaftsfaktoren im Agrarland notwendig. Zu diesem Zwecke wurde in einjähriger Bauzeit die „König Frederik VII Süd-Schleswigsche Eisenbahn" von Flensburg über Oster-Ohrstedt nach Tönning gebaut. In Flensburg und Tönning entstanden für damalige Verhältnisse moderne Hafenumschlagsanlagen. Die Strecke wurde im Jahre 1854 eröffnet. Der König kam persönlich zur Einweihung. Es wurden weitere Eisenbahnstrecken geplant, aber unter der dänischen Herrschaft nicht mehr überall verwirklicht. Zu diesen geplanten Strecken gehörte auch eine Verbindung von Husum nach Flensburg. Von 1844 bis 1848 wurde die neue Landstraße Husum-Flensburg westlich an Viöl vorbei gebaut (heutige B 200). 1867 entstand die preußische Provinz Schleswig-Holstein. Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg (1914 - 1918) wollten die Dänen das frühere Herzogtum Schleswig annektieren, d.h. in den dänischen Staat zwangsweise und endgültig einverleiben. Bei den Friedensverhandlungen in Versailles/Frankreich entschieden die Siegermächte jedoch, daß die Bevölkerung selbst über ihre künftige Zugehörigkeit zu Dänemark oder dem Deutschen Reich entscheiden sollten. Im Vorfeld der Volksabstimmung versprach die preußische Regierung der Bevölkerung u.a. auch den Bau der schon früher geplanten Eisenbahnstrecke von Flensburg nach Husum mit einer Querverbindung von Bredstedt über Löwenstedt, Eggebek und Jübek nach Schleswig. Das Abstimmungsgebiet war in 3 Zonen eingeteilt. Die südlichste lag südlich der heutigen Staatsgrenze. Der südlichste Zipfel davon war die Gemeinde Löwenstedt. Die Volksabstimmung fand am 14.03.1920 statt. Das Abstimmungsergebnis in Löwenstedt lautete 171 für Deutschland und 8 für Dänemark, in Ostenau waren sämtliche Stimmen für Deutschland. Von auswärts waren 68 Personen eigens zur Abstimmung gekommen. Mit dem Bau der Eisenbahnstrecke wurde nach ein paar Jahren begonnen. Die Strecke Husum-Löwenstedt-Flensburg wurde am 02.11.1926 eingeweiht. Die Anschlußstrecke Löwenstedt-Bredstedt wurde am 15.05.1928 in Dienst gestellt. Die Strecke Löwenstedt-Jübek wurde jedoch nicht verwirklicht. Viöl und viele andere Gemeinden erhielten durch die Bahn „Anschluß an die große Welt".

 Viöler Bahnhof in den 30er Jahren

Der Viöler Bahnhof
in den 30er Jahren
(hinten die Viehrampe) 

Der von 1944 bis zum 31.03.1954 an der Viöler Schule tätige Lehrer und spätere Schulleiter Wilhelm Hintmann schreibt in der Schulchronik: „Das Jahr 1926 brachte eine große Umwälzung, denn in diesem Jahr wurde die Eisenbahnlinie Husum-Flensburg in Betrieb genommen. Damit war Viöl an den Verkehr angeschlossen; der Postwagen, der oft 3 Stunden nach Husum brauchte und unpünktlich fuhr, hatte seine Berechtigung verloren und ging ein. Der Güterverkehr nahm einen gewaltigen Aufschwung. Am Bahnhof schoß ein Haus nach dem anderen aus der Erde heraus. Diese Bautätigkeit wurde 1933 mit dem Antritt der Nationalsozialisten jäh unterbrochen, denn alle Mittel dienten fortan der Rüstung." Viöl brachte, was wir hier nur am Rande erwähnen wollen, zu damaliger Zeit einige Personen hervor, die in einflußreichen Positionen für die Verwirklichung der Ziele der neuen Machthaber auftraten. „Hein Möhlmann" teilte uns 1997 mit, daß nicht nur in Viöl, sondern insbesondere auch in Löwenstedt die Bahn einen großen wirtschaftlichen Aufschwung und rege Bautätigkeit nach sich zog, zum Teil hervorgerufen durch den hohen zusätzlichen Personalbedarf in Löwenstedt wegen des dort vorgesehenen „Eisenbahn-Knotenpunktes", der nur hinsichtlich des Abzweigers nach Bredstedt verwirklicht wurde. Entlang der gesamten Bahnstrecke entstanden in kürzester Zeit die Bahnhofgastwirtschaften in Immenstedt-Bahnhof, Viöl-Bahnhof (Baujahr 1927), in Brook und in Löwenstedt. Die Bahnstrecke war eingleisig. Nur an den Bahnhöfen gab es auf einer kurzen Strecke ein weiteres Gleis, damit sich hier die Züge begegnen konnten. Das in Viöl errichtete Bahnhofsgebäude ist heute Bestandteil der Tischlerei von Holger Hansen. Die Bahnhofsgastwirtschaft wurde im Jahre 1976 verkauft an Gerhard Wulff, der noch heute ihr Eigentümer ist. Nördlich des Bahnhofs baute die Firma P. Peters Nachfolger, Husum, zwei Düngerschuppen und eine große Waage für Fuhrwerke. Der Müller Johann Schmidt (Ackebroe-Mühle) baute ein Lagergebäude. Es entstand eine Verladestation für das Vieh. Die Bahntrasse wurde bewußt weiter abseits der genannten Orte angelegt, damit die Menschen nicht nur von einigen wenigen Dörfern kurze, sondern von mehreren Dörfern gleich lange Wege zu den Bahnhöfen haben würden und sich der Bahnbetrieb dadurch wirtschaftlicher gestalten würde. Auch war der Grunderwerb weit abseits von den Ortslagen erheblich kostengünstiger zu tätigen. Als Folge der Inbetriebnahme in Viöl müssen manche Neubauten gewertet werden, die bis Ende der 30er Jahre in Viöl errichtet wurden, denn Viöl war durch die Zugverbindung nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht attraktiver geworden, sondern auch als Wohnort. Neben dem vollständig neuen Ortsteil Viöl-Bahnhof (hier stand vor dem Bahnbau nicht ein einziges Haus) entstanden an der heutigen B 200 die Häuser des Dachdeckers Hansen (heute Jürgen Hansen) und von Bernhard Klein (Wolfgang Brandt). An der Dorfstraße entstand 1926 das Haus Westerende 56 von Hermann Hansen („Speelmanns"), der dieses Gebäude als Geschäftsstelle für die Spar- und Darlehnskasse und als Wohnhaus nutzte (heute Johannes Johannsen). Ebenfalls 1926 wurde am Markt das Haus Nr. 13 (Marie Wietzke) errichtet. 1929 baute Fritz Johannsen („Fritz Schooster") sein Wohnhaus Westerende 34 (heute Deseife). 1930 entstand das Haus Westerende 45 (östlich der Schlachterei Burmeister). 1936 baute die Kirchspielslandgemeinde das Haus Westerende 36 (Wohnung für den Steuereinnehmer des Kirchspiels sowie Krankenschwester-Station, später bis 1980 Sitz der Amtsverwaltung Viöl). Die große Bedeutung der Eisenbahn für unsere Region lag nicht nur im Personenverkehr im allgemeinen sowie dem Güterverkehr einschließlich Tiertransporte, sondern auch im Schülerverkehr nach Husum. Die Schulverhältnisse in Viöl waren lt. „Hein Möhlmann" damals „nicht gerade gut", so daß einige Eltern ihre Kinder mit der Eisenbahn auch zur Volksschule (heutige Grund- und Hauptschule) nach Husum schickten. Die Sportler des TSV Doppeleiche benutzten die Bahn als wichtiges Verkehrsmittel zu Sportwettkämpfen und Spielen in Orten, die entlang oder in der Nähe der Bahnstrecke lagen. Als Folge der außerordentlich positiven wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands nach dem 2. Weltkrieg nahm die Motorisierung der Bevölkerung schnell zu. Immer mehr Menschen verzichteten auf die Benutzung der Eisenbahn, so daß ihr Betrieb zunehmend unwirtschaftlicher wurde. Der Personenverkehr auf der Strecke Husum-Flensburg wurde am 31.05.1959 eingestellt. Schon wesentlich früher, nämlich am 01.11.1942, war die Strecke Löwenstedt-Bredstedt stillgelegt worden. Die Gleise wurden damals nach Rußland verbracht und dort als Nachschubstrecke für kriegsbedingte Transporte neu verlegt. Anmerkung: Auf Seite 39 in dem Bildband „Das Kirchspiel Viöl in Bildern aus vergangenen Tagen" von Dr. Kurt Peter heißt es, daß der Güterverkehr auf der Strecke Husum-Flensburg 1970 eingestellt wurde. Wir haben 1997 von der Deutschen Bahn AG, Hamburg, die amtliche Auskunft erhalten, daß die Einstellung bereits am 31.05.1959 erfolgte. Wir wollen weder das eine noch das andere Datum anzweifeln und stellen deshalb hierzu keine eigene Behauptung auf.

Übrigens: Die ehemalige Arlau-Eisenbahnbrücke dient, nachdem der Fluß begradigt wurde, heute dem Motorradclub „MC Antares" als Domizil. Sie liegt am südlichen Ende der Straße „Ole Bahndamm". Weiter südlich davon befindet sich, was man von der Bundesstraße 200 sehr gut sehen kann, noch ein längeres Teilstück des in der Arlauniederung 1925/26 aufgeschütteten Bahndammes. Wer ein gutes Auge hat, kann abseits der Straße auf Koppeln anhand von dicken, vierkantigen Eisenbahnschwellen, die als Heck- bzw. Zaunpfähle Verwendung gefunden haben, den ungefähren Verlauf der alten Eisenbahnstrecke erkennen (nördlich des alten Bahnwärterhauses in Immenstedtfeld westlich, weiter in Richtung Husum östlich der
B 200). Auch der alte Bahnhof Schwesing-Nord steht heute noch „einsam und verlassen" in der Nähe der einstigen Gastwirtschaft Augsburg (jetzt Tischlereibetrieb).

Kalender

Oktober 2017
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31

Nächste Termine

Keine Termine