Viöls Entwicklung ab 1945

Nachdem die Deutsche Wehrmacht am 08. Mai 1945 kapituliert hatte und damit das „Dritte Reich" in sich zusammengebrochen war, wurde der Bauer Albert Hansen (Drenges), Osterdorf, von den englischen Besatzern als Bürgermeister von Viöl eingesetzt. Am 14.03.1991 wurde er als längstlebendes Gründungsmitglied Ehrenmitglied des TSV Doppeleiche Viöl und starb am 18.02.1995 im Alter von 92 Jahren. Lehrer Hintmann schreibt dazu in der Schulchronik: „Er hatte eine überaus schwere Aufgabe, denn bei den 600 Einwohnern unseres Dorfes mußten mehr als 500 Flüchtlinge untergebracht werden." Liebe Leser: Denken Sie bitte daran, wie klein das Dorf Viöl damals war! Herr Hintmann weiter: „Das führte zu Schwierigkeiten und mußte zu Spannungen zwischen den Einheimischen und Flüchtlingen führen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge mußte in einem Zimmer hausen und abhängig sein von dem Quartiergeber. Sicher entstanden viele Freundschaften. Die Schule überwand die Gegensätze am schnellsten. Heute sind sie längst überwunden, denn die Kinder unterscheiden diese Gegensätze nicht. Ebenso ist es bei den jungen Menschen. Einheimische und Flüchtlinge heiraten sich heute mehr als Einheimische und Einheimische oder Flüchtlinge und Flüchtlinge. Bei den älteren Generationen ist kaum an eine restlose Lösung zu denken, wenn nicht genügend Neuraum geschaffen wird. Auf dem östlich des Friedhofs gelegenen Gelände ist eine größere Siedlung im Werden. Sie wird die Lösung bringen." Hintmann meinte damit die Norderstraße, wo ab 1950 die ersten Häuser gebaut wurden.
Als 1948 die erste Gemeindevertretung nach dem Kriege gewählt worden war, mußte von ihr ein Bürgermeister gewählt werden. Um das Amt des Bürgermeisters bewarben sich der Einheimische Hans Christiansen („Hans Schooster", SPD) und der Flüchtling Erich Wobser. Die Bürgermeisterwahl ergab in 2 Abstimmungen für jeden Kandidaten jeweils 5 Stimmen, so das gelost werden mußte. Wobser wurde Bürgermeister und blieb es bis 1982. Wobser erzählte, daß er es als wichtigste und vordringlichste Aufgabe ansah, erstmal für die Überwindung der Raumnot zu sorgen und fuhr per Fahrrad (!) kreuz und quer durch das Land nach Flensburg, Neumünster und sogar bis nach Kiel, um die erforderlichen Genehmigungen und Gelder für die geplante Siedlung an der Norderstraße zu erlangen.


 

Westerende ca 1955 

Westerende ca. 1955:
links ein Teil des alten Schulplatzes
rechts die alte Schule, die schon damals
Geschäftshaus war

Schulleiter Hintmann und Bürgermeister Wobser drangen sodann darauf, daß die schulischen Verhältnisse verbessert wurden. Durch die Flüchtlingskinder war es in der Viöler Schule mit damals nur 2 Klassen zu eng geworden. Für eine Übergangszeit wurde der Konfirmandensaal im Pastorat für Schulzwecke in Anspruch genommen. 1950 wurde für die Viöler Schule eine Aufbauklasse (heute: Realschule) bewilligt. In ihr begann der Unterricht am 13.04.1950 mit 28 Kindern aus den Dörfern Bondelum, Behrendorf, Haselund, Löwenstedt, Kolkerheide, Olderup und Viöl. Eiligst wurde auf dem nördlichen Teil des Schulplatzes, der bis dahin vom Sportverein als Sportplatz genutzt wurde, eine Schulbaracke mit zunächst zwei, später drei Klassenräumen und einer Wohnung aufgestellt. Dadurch wurde die Inanspruchnahme des Konfirmandensaales im Pastorat für Schulzwecke entbehrlich. Gleichzeitig wurde dem Sportverein das Muschengelände als neues Sportgelände zugewiesen. Die schulischen Verhältnisse waren trotz der zunächst behobenen Raumnot „sehr bescheiden". Bürgermeister Wobser und Schulleiter Hintmann unternahmen große Anstrengungen zum Bau einer völlig neuen Schule auf der Westseite des Kirchenweges. 1952/53 wurde im Rahmen des I. Bauabschnittes der südlich gelegene, in Ost-West-Richtung verlaufende Trakt für die Volksschule errichtet (4 Klassen für 8 Jahrgänge).
Zum I. Bauabschnitt gehörte auch noch die südliche Hälfte des parallel zum Kirchenweg verlaufenden Gebäudes (Hausmeisterwohnung, Lehrerzimmer, Rektorzimmer, Nebenräume). 1954/1955 wurde der II. Bauabschnitt verwirklicht. Das war der nördlich gelegene, in Ost-West-Richtung verlaufende Trakt für die Aufbauschule (4 Klassen) sowie der nördliche, etwas vorspringende Teil des Gebäudes parallel zum Kirchenweg (eine Berufschulklasse und die Schulküche). Zum II. Bauabschnitt gehörte außerdem die kleine Turnhalle südlich der Volksschule, die aus Gründen der besseren Bezuschussung als „Jugendheim" deklariert wurde. Diese Halle stand bzw. steht dem Sportverein von 1955 bis 1975 und erneut ab Januar 1982 als Sportstätte zur Verfügung.
Über die unmittelbare Nachkriegszeit schreibt Schulleiter Hintmann in seiner Schulchronik: „Manche Flüchtlinge haben sich bereits einen Wirkungskreis geschaffen, andere werden folgen; Viöl zum Segen, denn Viöl ist ein Schnittpunkt des Verkehrs, der Wirtschaft und der Kultur und darum entwicklungsfähig.
... Viöl hat heute sechsmal täglich Autoverbindung nach Husum und Flensburg. Der Sportverein ist zu neuem Leben erwacht (Anmerkung: Herr Hintmann verschweigt in seiner Zurückhaltung, daß er gemeinsam mit Erich Wobser die treibende Kraft für die Neugründung des Sportvereins war und im April 1946 bei den ersten Nachkriegs-Vorstandswahlen 2. Vereinsvorsitzender wurde), und eine Volkshochschule sucht das kulturelle Leben im Dorf zu heben und die Sitten zu verfeinern. Die Schlägereien, die früher zu den Festen gehörten, haben so gut wie aufgehört.

 

Westerende 1998 

Westerende 1998

Diese Besserung im kulturellen Leben läßt sich nur fortsetzen, wenn die Schule zielbewußt durch Beispiel und durch Belehrung zu einer höheren Lebensauffassung erzieht. Sie darf ihre Arbeit mit der Entlassung der Kinder nicht als abgeschlossen ansehen, sondern muß die Jugendlichen zielbewußt für Ideale und Schönheiten begeistern ..." Herr Hintmann hat noch zwei wichtige Punkte aus der unmittelbaren Nachkriegszeit verschwiegen, nämlich daß er es war, der nach der Entdeckung der Viöler Trachten durch Dr. Gerhard Krieger im Altonaer Museum die Viöler Trachtengruppe gemeinsam mit Frau Ilse Krieger im Jahre 1950 gegründet hat. Hintmann gründete auch den Gesangverein „Frohsinn".
Zu der baulichen Weiterentwicklung der Gemeinde Viöl gibt es noch einiges zu berichten, wobei wir nicht zu sehr in die Details gehen wollen. Schon im Jahre 1949 wurde durch das Ehepaar Müller mit dem Bau einer Drogerie begonnen, die wegen fehlender finanzieller Mittel nur nach und nach fertiggestellt werden konnte. Der Betrieb wurde 1949 zunächst im Kellergeschoß aufgenommen. In dem Gebäude befindet sich heute die Geschäftsstelle der Provinzial-Versicherung (Westerende 38). Gegenüber baute im Jahre 1950 Kurt Ludwig ein Wohnhaus mit Kfz.-Werkstatt und Tankstelle (Westerende 35). Mit diesen beiden Bauvorhaben begann die Schließung der Lücke zwischen Ackebroe und Viöl. Es folgten 1962 der erste Bauabschnitt der Spar- und Darlehnskasse Viöl (moderner Erweiterungsbau 1979), 1958 der Bau des Wohn- und Praxisgebäudes von Dr. Krieger (Westerende 40). Die anderen Gebäude südlich des Westerendes entstanden alle bis Ende der 70er Jahre, davon die Apotheke von Richard Ploetz erst 1979/80 (Westerende 44). Die neue Amtsverwaltung wurde 1980 fertiggestellt. Das letzte freie Grundstück, nämlich die Lücke zwischen der Amtsverwaltung und der Schlachterei Burmeister, wurde 1995 mit einem großen Wohn- und Geschäftshaus geschlossen. Darin befindet sich seit diesem Zeitpunkt auch die Filiale der Sparkasse Nordfriesland, welche vorher im Hause Markt 4 untergebracht war.
Die Bebauung am Kirchenweg begann 1952 mit dem Wohnhaus der Eheleute Zupke (Nr. 14) und 1953 auf der Ecke Kirchenweg/Gartenstraße mit dem Wohnhaus des späteren Schulleiters Thomas Thomsen (Nr. 8). Das erste Haus an der Gartenstraße baute im Sommer 1964
Matthias Kniese (Nr. 31), Ende desselben Jahres gefolgt von Richard Burmeister (Nr. 1). Beide Straßen waren zunächst nur provisorisch hergerichtet worden. Der endgültige Ausbau des Kirchenweges erfolgte Ende der 60er Jahre und der Ausbau der Gartenstraße ab 1970 zusammen mit der Schulstraße. Dann wurden auch die Häuser entlang der Schulstraße gebaut (1. Haus 1970/71 Johannes Andresen, Nr. 3) und die letzten Baulücken in der Gartenstraße geschlossen. Von nun an gab es an den vorhandenen Straßen keine Baulücken mehr. Es mußten nacheinander mehrere Baugebiete zunächst erschlossen werden, bevor die Käufer der Grundstücke mit dem Bau ihrer Häuser beginnen konnten. 1974 begannen die Erschließungsarbeiten für das Baugebiet Nr. 3 (1. Haus 1976 Klaus Schmidt, Aublick 10).

 

 Westerende 1998

Westerende 1998:
rechts der ZOB
links Elektro Jensen

1981 begann die Gemeinde mit der Erschließung des Gewerbegebietes (Baugebiet 5) südlich der Boxlunder Straße und westlich der B 200 ( 1. Betrieb Heinewang 1, Betonwerk Sievers). Die Haupterschließungsstraße für dieses Gewerbegebiet „Ole Bahndamm" ist, wie der Name schon sagt, ein Teilstück der ehemaligen Bahnlinie Husum-Flensburg. Aufgrund der zügigen Bebauung des Baugebietes Nr. 3 wurde 1985 das Baugebiet Nr. 4 nördlich der neuen Amtsverwaltung erschlossen (1. Haus Amselweg 3, Peter Jensen). Die große Grundstücksnachfrage machte es erforderlich, weiteres Bauland zur Verfügung zu stellen. 1991 begannen die Erschließungsarbeiten für das Baugebiet Nr. 6 ( 1. Haus Gallehuskoppel 13, Horst Hanke), und bereits 1996 folgte das neueste Baugebiet Nr. 7 (1. Haus Stiegkoppel 24, Klaus Henningsen). Hier herrscht zur Zeit eine rege Bautätigkeit. Die Nachfrage nach Wohngrundstücken in Viöl hält unvermindert an. Die Gemeinde ist außerdem bestrebt, Gewerbebetriebe aus dem Ort auszusiedeln bzw. völlig neue Betriebe nach Viöl zu holen.
Bereits im Jahre 1967 wurde in Viöl die öffentliche Wasserversorgung in Betrieb genommen. In den Jahren 1964 bis 1967 erhielt die Gemeinde Viöl eine Vollkanalisation. Die Gemeinde Viöl ist heute ein Ort, in dem es viel Gewerbe und alle für das Leben erforderlichen Einrichtungen gibt (Banken, Ärzte, Tierärzte, Apotheke, Schulzentrum, Kindergarten, Diakonie- und Tagespflegestation, Amtsverwaltung, Schwimmbad, Sportstätten u.v.m.). Der Ort ist, wie schon in früheren Zeiten und wie auch Herr Hintmann in seiner Schulchronik geschrieben hat, nach wie vor unbestritten das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum auf der „Schleswigschen Geest" im Schnittpunkt von Husum, Flensburg, Bredstedt und Schleswig. Die Einwohnerzahl der Gemeinde Viöl liegt heute bei rd. 1.600. Nach vollständiger Bebauung des Baugebietes Nr. 7 wird die Einwohnerzahl nicht weit unter 2.000 liegen.
Der Bürgermeister und mit ihm alle Mitglieder der Gemeindevertretung sind laufend bemüht, die durch die steigenden Einwohnerzahlen notwendigen Anpassungen der Infrastruktur vorzunehmen, damit Viöl die zentralörtliche Funktion, die ihr 1970 zu Recht vom Land Schleswig-Holstein zuerkannt wurde und die jährlich mit besonderen finanziellen Zuwendungen honoriert wird, auch zukünftig wahrnehmen kann. Die Gemeinde Viöl steht auch den berechtigten Wünschen des TSV Doppeleiche Viöl immer positiv gegenüber. Viöl ist ein Ort, in dem es sich gut leben läßt und in dem sich auch der TSV Doppeleiche Viöl mit seinen ca. 830 Mitgliedern sehr gut aufgehoben fühlt. Möge das so bleiben.

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